Beziehung
Baby glücklich

Väter bei der Geburt

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Paar im Kreissaal
Foto: shutterstock/Tyler Olson

Viele Männer beschreiben die Geburt ihres Kindes als "Achterbahn der Gefühle". Denn auf Gefühle der Hilflosigkeit und Überforderung folgen der wundervollste Moment und das größte Glück.

Vor etwas mehr als 40 Jahren sind die ersten Väter bei den Geburten ihrer Kinder in den Kreißsälen aufgetaucht. In der Zeit zuvor wurden sie in der Regel erst gerufen, wenn das Baby schon ordentlich gewickelt auf der Brust seiner Mama lag, die blutigen Tücher und Utensilien entsorgt und die Bettdecke frisch überzogen war. Damals waren Geburten im Krankenhaus und oftmals auch Hausgeburten reine Frauensache.

Ein halbes Jahrhundert später sind etwa 90 Prozent aller Väter bei der Geburt ihres Kindes dabei, und sind sie es nicht, müssen sie ihre Entscheidung meist vehement verteidigen. "Dabeisein" wird gesellschaftlich nahezu erwartet:

  • Doch wie gut vorbereitet auf dieses Naturereignis fühlen sich werdende Väter, welche Aufgaben während der Geburt haben sie und welche Situationen überfordern sie am meisten?
  • Kann Mann sich auf eine Geburt vorbereiten oder ist die Vermeidungsstrategie vielleicht doch der bessere Weg für jene, die ihre Anwesenheit als wenig hilfreich oder gar unpassend einschätzen?

Erst einmal ist es wichtig, diese Zweifel anzusprechen und damit die Möglichkeit der Suche nach Alternativen zu eröffnen. Denn eine andere Vertrauensperson zur Geburt mitzunehmen ist durchaus eine gute Lösung, da eine durchgehende 1:1-Betreuung durch eine Hebamme aktuell in österreichischen Kreißsälen nicht garantiert werden kann. Eingespielte Paare kommen gut damit zurecht oder genießen die ungestörte Intimität, wenn sie mal eine Weile alleingelassen werden. Ganz allein möchte aber kaum eine Gebärende sein und so wird die bloße Anwesenheit einer Begleitperson bereits als sehr unterstützend empfunden. Eine Entlastung für den werdenden Vater kann ein kleines Team wechselnder Vertrauter sein. Manche Frauen fühlen sich beispielsweise auch durch die eigene Mutter, Schwester oder beste Freundin gut unterstützt.

Geburtsvorbereitungskurse sind hilfreich

Während einer Geburt geht es selten darum, etwas Konkretes zu tun. Einfach da zu sein ist die wichtigste, oft auch die einzige Aufgabe. Das klingt jedoch viel einfacher, als es ist, und gerade diese Passivität fällt Männern besonders schwer. Ein gemeinsamer Geburtsvorbereitungskurs bietet eine gute Gelegenheit, um die Abläufe während einer Geburt zu erfahren, Unklarheiten zu beseitigen und Sorgen ansprechen zu können. Aber auch Möglichkeiten der Unterstützung werden dort thematisiert. Denn einerseits ist emotionaler Beistand gefragt, andererseits physische Unterstützung in Form von Hilfestellungen bei so mancher Position, die die Wehenarbeit erleichtert, oder von wohltuenden Massagen. Das kann beispielsweise ein sanftes Streichen über den Fußrücken sein, wenn sich die Zehen einrollen, weil der Schmerz so groß ist, oder eine Massage im Bereich der Lendenwirbelsäule.

Berührungen können der Frau helfen zu entspannen und die unbändige Kraft der Wehe wirken zu lassen. Für große Erklärungen ist sie dabei natürlich nicht empfänglich und nonverbale Kommunikation wird während der Wehentätigkeit am besten verstanden.

  • Doch Achtung: Manches, das eben noch eine Wohltat war, kann Sekunden später zurückgewiesen werden. Das ist für viele Männer irritierend und sie ziehen sich rasch zurück. Doch hier gilt: Nicht aufgeben und später erneut einen Versuch wagen. "Mal Hüh, mal Hott" ist ganz normal und kommt oft im Rhythmus des Auf und Ab der Wehen.

Sich als werdende Eltern über Wünsche und No-Gos rund um die Geburt auszutauschen ist ein wichtiges Gesprächsthema für die Schwangerschaft.

Katharina Wallner, Hebamme

Rollenverteilung im Kreißsaal

Einige Aufgaben können sehr praktischer Natur sein.:

  • Männer können es beispielsweise übernehmen, auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr zu achten und ihrer Frau immer mal wieder das Wasser zu reichen.
    Doch aufgepasst: Eine volle Blase nimmt dem Baby die Möglichkeit, tiefer zu rutschen. Die Bilanz von Flüssigkeitszu- und -abfuhr sollte Mann daher auch im Auge behalten und seine Frau daran erinnern, auf die Toilette zu gehen. Es könnte sein, dass sie das Empfinden dafür ein bisschen verliert, und solche Aufgaben liegen Männern ohnehin.
  • Aber auch Lüften, das Bett frisch Aufschütteln und, wenn es die Gebärende möchte, den DJ Spielen, um mit einer individuell zusammengestellten Playlist die gewünschte Stimmung zu erzeugen, kann in den Verantwortungsbereich des Vaters fallen.
  • Der Begleitperson kommt zudem eine wichtige Vermittlerrolle zum medizinischen Personal zu. Denn während die Gebärende ihre Kraft und Atmung vollständig auf die Geburt konzentriert, kann die Vertrauensperson die Anliegen der werdenden Mutter zum Ausdruck bringen. In brenzligen Situationen kann es wichtig sein, Erklärungen einzufordern, damit wieder mehr Gelassenheit einkehren kann. Manchmal braucht man vielleicht auch Orientierung darüber, wo der Geburtsprozess gerade hingeht. Eigentlich sollte dieser Informationsfluss zwischen dem Paar und dem betreuenden Team ohnedies gegeben sein und niemals verebben. Aber wenn er doch einmal in der Selbstverständlichkeit der Routine untergeht, fühlen sich Paare verloren und werden unsicher. Nachfragen hilft in diesen Momenten dann sehr.
  • Als besonders belastend erleben Väter Notsituationen, in denen alles plötzlich ganz schnell gehen muss, kaum mehr Erklärungen gegeben werden und der Stresspegel im Kreißsaal spürbar steigt. Plötzlich sind alle nur am Handeln und Väter werden förmlich in den Hintergrund gedrängt. In dieser Situation das Vertrauen nicht zu verlieren, sich zurückzunehmen und sicher zu sein, dass das behandelnde Team sein Bestes gibt, ist jetzt die wichtigste Aufgabe. Eine Nachbesprechung solcher Ausnahmesituationen ist wichtig, und wenn sie nicht proaktiv angeboten wird, sollte man in den Stunden nach der Geburt unbedingt um dieses Gespräch bitten. So kann das Erlebte gut eingeordnet und schließlich verarbeitet werden.
Vater mit Baby
Panthermedia/galinasharapova

Als sich unsere Blicke das erste Mal trafen, war es Liebe auf den ersten Blick.
Unser Baby hat mich angesehen, als würde es sagen wollen:
"Du bist mein Papa. Dich hab’ ich lieb!"

Alexander über die Geburt seiner Tochter

Liebe auf den ersten Blick

Die ersten Stunden mit dem Neugeborenen werden von Vätern als besonders magisch und unwiederbringlich beschrieben. Diese innige Bindung mit dem Baby stärkt den Familienzusammenhalt und die Rolle des Vaters ein Leben lang. Die Geschichten von Vätern, die im Kreißsaal umgekippt sein sollen, stammen übrigens auch meist aus der Phase kurz nach der Geburt. Zu diesem Zeitpunkt liegt häufig der Geruch von Blut, Ausscheidungsprodukten und verbrauchter Luft im Raum und nach Stunden der Wehenarbeit fällt die Anspannung von allen ab. Wenn das Baby den erlösenden ersten Schrei macht, werden nicht nur das Herz, sondern bei manchen Vätern auch die Knie ganz weich. Umfallen tun aber tatsächlich die wenigsten.

Autorin

Katharina Wallner ist frei praktizierende Hebamme, Pädagogin und unterrichtet an der Fachhochschule Campus Wien im Studiengang Hebammen. Sie begleitet Familien von der Schwangerschaft bis ins Kleinkindalter.

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