Pädagogik
Baby glücklich

Neues Pädagogik-Paket der Regierung - Alter Hut?

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Mädchen unsicher
Foto: Panthermedia/AndrewLozovyi

EIN PAKET MIT VIELEN FRAGEZEICHEN

Die Regierung hat ein Pädagogik-Paket geschnürt, das für Diskussionen sorgt. Die größten Veränderungen betreffen dabei vor allem den sekundären Bildungsbereich, also die Mittelschulen und Gymnasien. Doch auch in der Volksschule will man plötzlich wieder zwei Schritte zurück gehen.

AUF DEM WEG ZU MODERNEN LEISTUNGSBEWERTUNGEN - UND WIEDER ZURÜCK

In den vergangenen Jahren hat sich an Österreichs Volksschulen viel verändert. Nach den wenig zufriedenstellenden Pisa-Ergebnissen im letzten Jahrzehnt wurden seitens der Bildungspolitik, aber besonders auch an den Schulen selbst, über bestehende Konzepte philosophiert. Man begann sich an dem Vorbild der europäischen Sieger dieser Studie (besonders Finnland) zu orientieren.

Unsere Schulen wurden offener, kindgerechter, und man löste vielerorts die verkrampfte Bindung an ein starres, unflexibles Notensystem.Leistungen wurden an vielen Schulen nicht mehr in "Sehr gut" bis "Nicht genügend" kategorisiert, sondern erfuhren mehr Zuwendung und bewusstes Hinsehen in Form von Lernfortschrittsdokumentationen, Portfolios oder Lernzielkatalogen.

Alternative Leistungsbeurteilungen sind ein enormer Mehraufwand für die Lehrerinnen und Lehrer, gleichzeitig aber ein Mehrwert für unsere Kinder, der die Mühe lohnt. Dabei werden Stärken und Schwächen gleichermaßen aufgezeigt, Entwicklungsfortschritte gewürdigt und weitere Ziele festgelegt – all das vermag eine Note nicht zu schaffen. Das neue Pädagogik-Paket sieht eine Rückkehr zum Notensystem vor. Zumindest teilweise, so formuliert man vorsichtig, denn alternative Leistungsbeurteilungen sollen weiterhin parallel geführt werden dürfen.

Ein kompetenzorientiertes Bewertungsraster soll laut Gesetzestext Lehrerinnen und Lehrern künftig zu einer "transparenten, objektiven" Beurteilung führen. Wie dieses Bewertungsraster aussehen soll ist noch Zukunftsmusik und wird derzeit auf Basis des bestehenden Lehrplans ausgetüftelt. Auch eine Klassenwiederholung, das gefürchtete "Sitzenbleiben", wird Thema. Und das schon am Ende der 2. Schulstufe - bei zwei oder mehr "Nicht Genügend" und nach Beschluss der Schulkonferenz.

WIE GLEICH SOLL UNSERE GESELLSCHAFT SEIN?

Kritisiert wird vor allem auf Seiten der Opposition, die Tests wären ein "bildungspolitischer Rückschritt ins 20. Jahrhundert". Es wird befürchtet, dass die Testung zu einer Aufnahmeprüfung für die AHS mutieren könnte. Ein Einwand, der nicht unberechtigt erscheint, wenngleich der Test nur ein Anhaltspunkt für künftige Bildungswegentscheidungen sein soll.

Mit dem Entdecken verborgener Begabungen hat der schillernde Name "Talente-Check" jedenfalls herzlich wenig zu tun. Junge Mozarts, technikaffine Otto Lilienthals oder kreative Picassos bringt das schriftliche Testverfahren wohl kaum zum Vorschein. Es geht vielmehr (wieder) einmal um das Abprüfen von Lerninhalten und analytischlogischen Fähigkeiten, zweifelsohne wichtige Denkleistungen. Doch brauchen unsere Kinder das tatsächlich? Ist es sinnvoll, Schülerinnen und Schüler im Alter von neun Jahren schriftlichen Testverfahren zu unterziehen, die über ihren weiteren Bildungsweg entscheiden? Wir alle erinnern uns wohl daran, wie wir als Kinder vor Schularbeiten zitterten und wie selbst die Klassenbesten einmal einen "schlechten" Tag, etwa wegen des am Vortag verstorbenen Hamsters, hatten und deshalb einen Test "versemmelten". Abgesehen von den situativen Rahmenbedingungen führen uns standardisierte Testverfahren zu einer ganz grundsätzlichen, ethischen Frage, die weit über die bildungspolitischen Differenzen zwischen den Parteien hinausgeht: Wie "gleich" soll unsere Gesellschaft von morgen sein? Und wie beziehen wir individuelle Lern- und Leistungsunterschiede, ja sogar Herkunft und soziale Schichten in die Beurteilung mit ein?

ALLES NEU - ODER DOCH NICHT?

Was steckt also wirklich in dem neuen "Pädagogik-Paket"? Zunächst einmal eine Handvoll Fragezeichen und Ernüchterung, denn vieles ist offen und wohl (noch) nicht zu Ende gedacht. Auch ist fraglich, wie uns die neuen Bestimmungen voranbringen. Aber: Es wird auch hier nicht so heiß gegessen, wie gekocht. Denn mit einer befürchteten "Mini-Matura" hat der Talente-Check nichts zu tun.

Die Veränderungen aus pädagogischer und lernpsychologischer Sicht, die unsere Schulen so dringend notwendig haben, um mit aktuellen Konflikten und organisatorischen Rahmenbedingungen klar zu kommen, bleiben weiterhin aus. Unser Schulsystem hinkt den modernen Problemen unserer Zeit und personellen Herausforderungen noch immer hinterher. Hinter dem Wort "Pädagogik" verstecken sich in dem Paket vor allem Leistungsmessungen, Klassifizierungen und Zuweisungen. Problemlösungen fehlen weitgehend. Bleibt zu hoffen, dass dieses Paket nur der Beginn weitreichenderer Reformen ist.

WIE VIEL TALENT STECKT IM TALENTE-CHECK?

Mädchen mit Lupe
Panthermedia/xavigm99

Wenn in den Plänen der Regierung von einem "Talente-Check" die Rede ist, dann bedeutet das konkret folgendes:

  • Die bereits an österreichischen Volksschulen seit Jahren durchgeführten informellen Kompetenzmessungen, die Lehrerinnen und Lehrern aufgrund eines standardisierten Tests Auskunft über den jeweiligen Bildungsstand ihrer Schülerinnen und Schüler geben sollen, werden abgeschafft.
  • Dasselbe gilt für die Überprüfungen der Bildungsstandards, auf denen derzeit die Jahrespläne der Lehrerinnen und Lehrer basieren.
    Stattdessen soll nach drei Jahren ein System-Monitoring zur Verfügung stehen.
  • Ein Talente-Check am Ende der dritten Schulstufe soll als Basis für Elterngespräche dienen, in denen über den weiteren Bildungsweg des Kindes entschieden wird. Die Ergebnisse des Checks werden nicht zur Beurteilung über die Aufnahme in eine AHS herangezogen, sollen aber Denkanstoß für Lehrerinnen und Lehrer sowie für die Eltern sein, um abseits der Aufnahmevoraussetzungen der allgemeinbildenden höheren Schulen über die Wahl der weiterführenden Schule zu entscheiden. Wie genau dieser Talente-Check aussehen soll, ist noch nicht bekannt.

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