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Erwachsene:
Sexueller Missbrauch
Erkennen und Vorbeugen
Missbrauch
Frau Mag. Christa Schirl-Russegger © Anette Friedel-Prenninger

„Auf keinen Fall sollten Eltern darauf vertrauen, dass ein sexuell missbrauchtes Kind selbstverantwortlich auf sein Leid aufmerksam macht.“

Was passiert mit einem Kind, das sexuell missbraucht wird? Wie sehen die Folgen aus und wie kann man sie erkennen? Oft besteht Unsicherheit, wie reagiert werden soll. Mag. Christa Schirl-Russegger, fachliche Leiterin des Kinderhilfswerks, Klinische- und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin, und MMag. Doris Assinger, Präventionsbeauftragte des Kinderhilfswerks,  Klinische- und Gesundheitspsychologin, gehen diesen Fragen nach.



Frau MMag. Doris Assinger © Rudolf Liedl

 
Sind eher Mädchen im Pubertätsalter oder jüngere Mädchen betroffen?

Schirl-Russegger:
Sexueller Missbrauch kommt in allen Altersgruppen vor. Am häufigsten sind aber Mädchen im Alter deutlich unter 10 Jahren betroffen.

Sind die Täter eher fremde Personen oder Bekannte?

Schirl-Russegger: Durch die Medien entsteht der Eindruck, dass hauptsächlich fremde Männer Kindern auflauern, sie entführen und missbrauchen. Diese Annahme ist falsch: Bei sexuellen Übergriffen an Mädchen sind in etwa 50 Prozent aller Fälle väterliche Bezugspersonen die Täter. Mit väterlichen Bezugspersonen meine ich sogenannte Vaterfiguren wie Stiefvater, Großvater, Onkel oder der leibliche Vater. Aber auch Brüder kommen als Täter in Frage. Weitere 40 Prozent sind Täter aus dem weiteren Umfeld des Kindes wie Freunde der Familie, Nachbarn, Nachhilfelehrer und andere. Das heißt in circa 90 Prozent der Fälle ist der Täter dem Kind bekannt.

Ist das bei Burschen anders?

Schirl-Russegger: Burschen werden tendenziell eher von Personen missbraucht, in deren Autoritätsverhältnis sie stehen. Beispielsweise Lehrer, Sporttrainer, Erzieher, Pfarrer, ... Häufig sind es bekannte und scheinbar unauffällige Personen, denen Eltern ihre Kinder anvertrauen.

Oft handelt es sich um Respektspersonen, zu denen die Kinder aufschauen und bei denen sie Gehorsam gewohnt sind. Da die Täter im Umfeld bekannt, geachtet und geschätzt sind, schämen sich die Opfer und können ihre Gefühle nicht einordnen. Durch das Vertrauens- oder Autoritätsverhältnis fehlt ihnen der Mut, sich Hilfe zu holen oder sich Erwachsenen anzuvertrauen.

Wo ist die Grenze zwischen einer normalen und gesunden körperlichen Zärtlichkeit zwischen Eltern und Kindern und wo beginnt Missbrauch?

Assinger: Genaue Grenzen sind schwer definierbar. Sexueller Missbrauch beginnt dort, wo ein Erwachsener das Kind gezielt zur Befriedigung eigener Bedürfnisse benutzt. Missbrauch kann sexuell stattfinden, aber auch emotional. Wenn eine Mutter sich beim Sohn die Zärtlichkeiten holt, die sie bei ihrem Mann vermisst, ist dies für die Entwicklung des Sohnes bedenklich. Wenn Erwachsene bei der Berührung oder Betrachtung von Kindern sexuelle Lust empfinden, ist die Grenze klar erreicht.

Ist kindliche Sexualität – also Sexualität unter Kindern – sexueller Missbrauch?

Assinger: Sexuelle Spielereien unter Kindern stellen in der Regel keine Missbrauchshandlung dar, wenn die Kinder das gleiche Entwicklungsalter aufweisen. Vielmehr handelt es sich dabei um einen normalen und notwendigen kindlichen Entwicklungs- und Erfahrungsprozess. Achtung ist dann geboten, wenn ein Kind ein anderes Kind unter Gewaltandrohungen zu sexuellen Handlungen drängt oder wenn kindliche sexuelle Handlungen eindeutig der Erwachsenenwelt zuzuordnen sind, zum Beispiel wenn ein Junge einen anderen Jungen dazu auffordert, seinen Penis in den Mund zu nehmen.

Welche Symptome können infolge eines sexuellen Traumas auftauchen?

Schirl-Russegger: Langzeitfolgen reichen von Ängsten über Depressionen, Schuldgefühlen, Schlafstörungen, bis hin zu selbstverletzendem Verhalten, Essstörungen, Beziehungsstörungen oder Suizidgedanken. Manche Betroffenen klagen über Probleme, sich auf langfristige Beziehungen oder Sexualität einzulassen. Andere können das Trauma gut verarbeiten und integrieren. Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass die Wahrscheinlichkeit für Traumatisierungen deutlich erhöht ist, wenn der Missbrauch sehr früh stattfindet, über einen längeren Zeitraum passiert und wenn nahe stehende Bezugspersonen die Taten begehen. Das heißt je enger die Opfer-Täter-Beziehung ist, je jünger das Opfer und je häufiger die Tat, umso gravierender sind die Folgen.

Missbrauch kommt ja bereits bei Kleinkindern vor. Können sich auch kleine Kinder an die Ereignisse erinnern?

Assinger: Studien belegen, dass Ereignisse, die vor dem Alter von 3 Jahren passiert sind, von unserem Gehirn kaum erinnert werden können. Im Gegensatz zum Gehirn speichert aber das Körpergedächtnis Verletzungen und Schockerlebnisse ab, sodass sich Traumata später in körperlichen Symptomen äußern können: zum Beispiel Schmerzen oder eigenartige Gefühle wie ein Kloß im Hals.

Warum bleibt Missbrauch so lange im Verborgenen? Warum vertrauen sich die Kinder niemandem an?

Schirl-Russegger: Kleinen Kindern fehlen oft die Worte für das, was ihnen passiert ist. Sie schämen sich oder haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Manche Kinder fühlen sich schuldig und machen sich selbst dafür verantwortlich, dass ihnen diese Übergriffe passieren. Sie wissen nicht, dass die Verantwortung immer bei den Erwachsenen liegt. Und tatsächlich: Nach dem Grundsatz „Was nicht sein darf, kann nicht sein“ gibt es erschreckend viele Erwachsene, die Kindern nicht glauben. Darum lernen Kinder auf unseren Kinderschutzschulungen, dass sie laut und deutlich Hilfe holen und sich dabei an verschiedene Bezugspersonen wenden müssen. Doris Assinger hat dazu methodisch eine Helferkette entwickelt, die Kinder an vertrauensvolle Hilfspersonen erinnern soll. Manche Kinder werden auch von den Tätern massiv unter Druck gesetzt, sodass ihnen der Mut fehlt, sich Hilfe zu holen. Oder ihre innere Stabilität ist derart ins Wanken geraten, dass sie nur mehr mit Verdrängung reagieren können.

Was meinen Sie damit, dass sich Kinder schuldig fühlen?

Schirl-Russegger: Auch in der Therapie mit erwachsenen Frauen erlebe ich immer wieder, dass sich Opfer schuldig fühlen: „Wenn ich nicht gewesen wäre, hätte sich mein Vater nicht an mir schuldig gemacht“, ist eine typische Aussage eines erwachsenen Opfers. Kinder fühlen sich da nicht anders: Hätte ich doch besser aufgepasst … hätte ich doch lauter Nein gesagt … hätte ich mich doch besser gewehrt ... hätte ich mich doch anders angezogen ... hätte ich doch mehr gelernt … hätte ich doch der Mama besser gefolgt.

Assinger: Viele Täter sorgen dafür, dass sich die Kinder für die Tat und das weitere Wohlergehen der Familie schuldig und mitverantwortlich fühlen. Sie drohen den Kindern und fordern, das Geheimnis nicht zu verraten, weil dann der geliebte Hund sterben muss, die Familie zerbricht oder die Geschwister ins Heim kommen. Täter sind da sehr kreativ.

Wie lange braucht ein Opfer, bis es den Missbrauch verarbeitet hat?

Assinger: Hier kann ich Ihnen keine klare Prognose geben. Wenn ein Mädchen von einem Fremden einmalig einen sexuellen Übergriff erlebt hat und dies gleich der Mutter berichten konnte, sind die Prognosen günstig, dass es den Übergriff gut verarbeiten kann. Voraussetzungen dafür sind natürlich, dass dem Mädchen geglaubt wird, dass es rasch Hilfe bekommt und sich in Zukunft in Sicherheit weiß. Leider kommt dies viel zu selten vor. Normalerweise passiert Missbrauch über einen längeren Zeitraum und der Täter stammt aus dem persönlichen Bezugsfeld des Opfers.  Hier ist eine wesentlich längere Therapie von Nöten.

Was ist der erste wichtige Schritt in der Therapie?

Assinger: Bei einem bestätigten Verdacht eines sexuellen Übergriffes ist das Kind zuerst in Sicherheit zu bringen. Ein therapeutischer Prozess kann erst dann helfen, wenn das Kind vor weiteren Übergriffen geschützt wird.

Wie können Erwachsene erkennen, ob ihre Kinder missbraucht werden?

Schirl-Russegger: Leider gibt es kein gängiges Diagnose-Schema, durch das Erwachsene erkennen können, dass ihre Kinder sexuelle Übergriffe erleiden. Generell sollten Eltern aufmerksam werden, wenn sich ihre Kinder drastisch verändern. Oft ziehen sich Kinder zurück und haben Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. Plötzliches Bettnässen kann genauso ein Symptom sein wie ständige Bauchschmerzen. Die seelischen Qualen können sich bei Schulkindern auch durch einen drastischen Abfall der Leistungen zeigen.

Assinger: Auf keinen Fall sollten Eltern darauf vertrauen, dass ein sexuell missbrauchtes Kind selbstverantwortlich auf sein Leid aufmerksam macht. Wie bereits erwähnt, schämen sich die Kinder und suchen häufig die Schuld bei sich. Außerdem sind die Täter sehr geschickt darin, die Kinder einzuschüchtern und sie so zu manipulieren, dass sie lieber schweigen und Übergriffe ertragen.

Wie können Eltern ihre Kinder vor Missbrauch schützen, ohne sie zu ängstigen?

Schirl-Russegger: Stärken Sie das Selbstvertrauen Ihres Kindes und sorgen Sie für eine vertrauensvolle, liebevolle Eltern-Kind-Beziehung. Schaffen Sie eine Familienatmosphäre, in der über Schwierigkeiten, Sorgen und Probleme gesprochen werden kann. Geben Sie Ihrem Kind eine altersadäquate Sprache für Sexualität und für Körperlichkeit.

Assinger: Kinder sollen wissen, dass es falsch ist, wenn andere sie gegen ihren Willen anfassen oder intime Körperteile berühren. Kinder müssen lernen, dass sie ihren Gefühlen vertrauen und sie artikulieren dürfen. Wann immer ihnen eine Situation „komisch“ vorkommt oder ihnen Angst macht, ist es notwendig, Hilfe zu holen. Regen Sie in der Schule Ihres Kindes Kinderschutzschulungen, zum Beispiel durch das Kinderhilfswerk oder die Kinderschutzakademie (www.kinderschutzakademie.at), an.

Aber fällt es nicht auch Erwachsenen oft schwer, über Sexualität zu sprechen?

Assinger: Stimmt. Sexualität als Gesprächsthema wird in vielen Familien aus Schamgefühl vermieden. Gleichzeitig erhalten Kinder durch die Medien, durch das Handy und Internet oft Informationen über Sexualität, die überhaupt nicht ihrem Alter entsprechen. Eltern sollten daher unbedingt die Chance nützen, das Kind kindgerecht aufzuklären. Gerade die Kommunikation der Eltern mit den Kindern über das Thema Sexualität würde fördern, dass Kinder lernen, über ihren Körper und die Sexualität zu sprechen und somit Gefahren und Übergriffe zu erkennen und sich bei Bedarf zu wehren.
Es besteht ein Zusammenhang zwischen Beziehung und Erziehung. Die Kinder brauchen gerade bei der Sexualerziehung Vertrauen zu den Eltern. Wenn über intime Themenbereiche gesprochen wird, dann sind Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Verständnis wichtig. Durch kindgerechte Worte soll die Verständlichkeit im Gespräch gesichert werden. Die sorgfältige Auswahl von Zeit, Raum und Anlass für ein aufklärendes Gespräch über Sexualität schafft Glaubwürdigkeit.
Mit dementsprechender Erziehung kann man Kinder dabei unterstützen zu selbstbewussten und unabhängigen Menschen zu werden. Das ist eine Maßnahme der Prävention vor sexuellem Missbrauch.

Welche Erziehungshaltungen begünstigen sexuellen Missbrauch?

Schirl-Russegger: Die Tatsache, dass auch heute noch in der Erziehung viel Wert auf Anpassungsfähigkeit und Folgsamkeit gelegt wird, begünstigt sexuellen Missbrauch. Nach wie vor werden Kinder in ihren Gefühlen oft nicht ernst genommen. Stichwort: Der Indianer kennt keinen Schmerz! Dem Recht auf Selbstbestimmung der Kinder über ihren Körper wird noch zu wenig Raum gelassen. Dazu kommt, dass Kindern immer noch altersadäquate Informationen zu Sexualität und sexuellem Missbrauch fehlen und sie darum keine Worte haben, um erzählen zu können, was ihnen passiert.

Wie sollen Erwachsene reagieren, wenn sie in ihrer Umgebung sexuellen Missbrauch vermuten?

Assinger: Wenn Sie glauben, ein Kind könnte sexuell missbraucht werden, müssen Sie behutsam vorgehen und Ruhe bewahren. Denn alle beschriebenen Symptome können auch ganz andere Ursachen haben. Versuchen Sie den Kontakt zu dem Kind zu verstärken und im Gespräch Themen wie unangenehme Berührungen oder schlechte Geheimnisse anzusprechen. Wenden Sie sich unbedingt an ein Kinderschutzzentrum. 

Wenn Ihr Kind von dem sexuellen Übergriff erzählt, sollten Sie es für den Mut loben, darüber zu sprechen. Verzichten Sie auf Vorwürfe, weil es so lange geschwiegen hat. Reagieren Sie bitte auch nicht ungläubig auf die Aussagen des Kindes. Kindern muss geglaubt werden! Stärken Sie das Selbstvertrauen Ihres Kindes und erklären Sie unmissverständlich, dass das Kind keine Schuld an dem Missbrauch trägt. Ertragen Sie es, über die Erlebnisse des Kindes zu sprechen und regen Sie an, dass das Kind die Übergriffe in einer Therapie verarbeitet.

Ihr Kind braucht in erster Linie Ihr Verständnis und Ihre Liebe, also zügeln Sie Ihre nur allzu verständlichen Hassgefühle und Rachegelüste. Sprechen Sie die weitere Vorgehensweise gemeinsam mit dem Kind ab. Aber am wichtigsten ist: Holen Sie sich bei diesem sensiblen Thema Hilfe durch Fachpersonen.

Infos unter www.kinderhilfswerk.at


  letztes Update am 28.02.2011

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